Forschung
Skizze des Forschungsfelds Religionsforschung
Religion und religiöses Bewusstsein prägen in spezifischer und vielfältiger Weise die Kulturen der Welt. Sie sind auch
für die europäische Kultur geschichtlich von größter Bedeutung und gegenwärtig nach wie vor einflussreich. Sie prägen individuelle und kollektive Identitäten ebenso wie sie Einfluss nehmen auf die Lebensführung und das gesell
schaftliche wie politische Handeln vieler Menschen. Daher ist Religionsforschung notwendig.
Das besondere Erkenntnisinteresse der Religionsforschung an der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität ist
dabei auf Fragestellungen ausgerichtet, wie sich Religiosität und Religionen in der als postmodern, reflexiv oder postsäkular apostrophierten Gegenwartsgesellschaft funktional und essentiell transformieren, auf gesellschaftliche Diskur-
se einwirken und dabei auch innovative Impulse freisetzen. Diese Forschungsperspektive ist in hohem Maße anschlussfähig an die kultur-, sozial- und bildungswissenschaftlichen Schwerpunktsetzungen der Philosophischen Fakultät.
Das besondere Forschungspotenzial der Philosophischen Fakultät in Hannover liegt in drei Bereichen:
Kulturhermeneutisch ist die Aufarbeitung und Vermittlung der tragenden religiösen Ideen und ihrer Wirkungsgeschichte wichtig, die durch die Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart hinein kulturprägend gewirkt haben – in
der Literatur, der Kunst, der Architektur, der Musik, der Philosophie, im Recht, bis hinein in aktuelle Diskussionen in und
mit den Naturwissenschaften (z.B. die Frage der Entstehung des Menschen im Spannungsfeld von Evolution und Krea
tionismus, des menschlichen Selbstverständnisses in Neurowissenschaft und Biologie, der Ethik von Forschung und
Wissenschaft).
Gesellschaftstheoretisch und zeitdiagnostisch stehen Transformationsprozesse im Vordergrund: die Veränderungen
einer maßgeblich durch die jüdisch-christliche Tradition geprägten Gesellschaft zu einer säkularen, multireligiösen und
multikulturellen aufgrund von Migration und globaler Vernetzung und den damit verbundenen Veränderungen im
Recht und in den Wertvorstellungen.
Bildungspolitisch und bildungstheoretisch wird das Verhältnis von Bildung und Religion thematisiert in einer Gesellschaft mit konkurrierenden Schulangeboten in staatlicher und freier Trägerschaft, religiösen Erinnerungskulturen, ökumenischem Lernen, neuen Formen gegenseitiger religiöser Beeinflussung bis hin zu Synkretismen oder strikter
Abgrenzung einschließlich religiöser Fundamentalismen sowie dem Spannungsverhältnis zwischen Globalisierungstendenzen von Religion und lokaler Ausprägung angesichts regionaler kultureller Besonderheiten.
Die Religionswissenschaft, die Sozialwissenschaften und die Theologie widmen sich diesen Problemfeldern aus ihren je
eigenen Perspektiven. Religionswissenschaft und Sozialwissenschaften betreiben Religionsforschung ihrem Selbstver
ständnis gemäß aus der Außenperspektive. Mit ihrer jeweils eigenen Kompetenz leisten diese Disziplinen eine umfas-
sende Wahrnehmung der sich verändernden empirischen Realitäten und weiten den Blick der Religionsforschung über
traditionelle institutionelle Perspektiven hinaus. Religion und religiöses Bewusstsein implizieren immer auch eine „gelebte Theologie“, wie umgekehrt zur wissenschaftlichen Theologie die Kritik von Religion und religiösem Bewusstsein
gehört. Ohne theologische Reflexionskompetenz aus der Innen- bzw. Teilnehmerperspektive lassen sich die vielen Religionsgeschichten und religiösen Phänomene der Moderne nur reduktionistisch erfassen. Religionswissenschaftliche,
sozialwissenschaftliche und theologische Perspektiven fordern so einander gegenseitig ein und gehören unverzichtbar
zur Religionsforschung im Interesse einer Selbstreflexion moderner Gesellschaften. Die besondere Chance der Hannoverschen Religionsforschung liegt in dieser Verschränkung von Innen- und Außenperspektiven. Von ihr sind auch
Transferleistungen und interdisziplinäre Kooperationen innerhalb der Leibniz Universität zu erwarten.
Die Hannoversche Religionsforschung kann durch Beteiligung verschiedener Disziplinen (Ev. Theologie, Kath. Theologie,
Religionswissenschaft, Soziologie, insgesamt sieben Professuren) Stärken in allen Bereichen entwickeln.
Das Hannovermodell hat als Kristallisationskern den Aufbau des Masterstudiengangs „Religion im kulturellen Kontext“.
Interessierte Kolleginnen und Kollegen insbesondere der Philosophischen Fakultät und der Leibniz Universität Hannover sind herzlich zur Mitarbeit eingeladen!
Als Ansprechpartner steht Prof. Dr. Harry Noormann zur Verfügung. (Tel. +49 (0) 511.762 - 541, Mail: harry.noormann[a]theo.phil.uni-hannover.de)